Helmut Schmidt - Soldat, Kanzler, Ikone

Helmut Schmidt - Soldat, Kanzler, Ikone

 

 

 

von: Gunter Hofmann

Verlag C.H.Beck, 2015

ISBN: 9783406686894

Sprache: Deutsch

464 Seiten, Download: 9879 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Helmut Schmidt - Soldat, Kanzler, Ikone



I. Politik und Leben


Gedanken und Erinnerungen hieß bei ihm Menschen und Mächte. Anders als der Reichskanzler Otto von Bismarck, der nach seiner Entlassung 1890 zur Feder griff, wollte Helmut Schmidt damit aber ausdrücklich keinen persönlichen Rückblick auf sein Leben zu Papier bringen. So häufig und gerne er auch Bücher verfasste – im hohen Alter ein Buch pro Jahr galt als das untere Minimum, alle Bestseller –, seine Politik wollte er weder ableiten aus seinem eigenen Leben, noch wollte er sich einbetten in einen systematischen historischen Rückblick auf die Bundesrepublik und ihre Rolle in Europa und der Welt.

Politische Selbstbespiegelungen, Blicke nach innen seien ihm «immer suspekt» gewesen, notierte er gleich zu Beginn des ersten dickleibigen Wälzers, den er fünf Jahre nach dem Abschied aus dem Kanzleramt verfasste. Eine «Verführung für den Autor» stellten Autobiographien ihrer Natur nach dar, «sich selbst fehlerlos zu sehen oder sich doch jedenfalls in besserem Lichte erscheinen zu lassen, als es dem späteren Urteil der Geschichte entsprechen kann».[1] So redete er sich den Gedanken daran selber aus.

Anders wollte er es halten mit dem Erinnern, weniger persönlich, viel grundsätzlicher und in größeren Bögen. In dem Erfahrungsbericht aus seinem Leben mit dem Titel «Menschen und Mächte» nahm er zunächst einmal die drei Weltmächte, Russland, die USA und China in den Blick, damit man als Leser gleich weiß, was ihn umtreibt und an welcher Elle er das eigene Land misst; vor allem bevölkerte er ihn bunt mit Menschen, Dialogen, neugierigen und oft auch liebevollen Portraits, lebhaften Schilderungen jener politischen Weggefährten oder Begegnungen, die ihn beeindruckten, die Weichen stellen konnten oder deren Stimme einfach Autorität hatte, ohne dass sich ein besonderes Amt damit verband. Inständig liebte er es natürlich, über seine Gespräche mit den Großen der Welt zu berichten, von Mao Zedong und Deng Xiaoping bis Anwar as-Sadat, Richard Nixon oder Henry Kissinger – als einer, der zur Familie gezählt wurde. Leonid Breschnew tauchte auf, Andrej Gromyko, Michail Gorbatschow, Robert McNamara, Arthur Burns, George Shultz, Ronald Reagan, Hua Guofeng – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dieser Namensparade, die er antreten ließ. Sein Ego verbarg er nicht, er nahm sie ernst, aber sie ihn nicht minder, lautete die Botschaft zwischen den Zeilen. Also durfte man ihm auch über die Schulter blicken, wenn er neben den ganz Großen traulich auf der Couch saß.

Geschichte, wollte Helmut Schmidt damit wie beiläufig festhalten, ist menschengemacht: Jemand entscheidet, zaudert, versagt gar, immer trägt einer Verantwortung in öffentlichen Angelegenheiten. Politiker stehen an Scheidewegen, sie können sich irren und korrigieren, es lohnt sich, nach Alternativen zu suchen, sie brauchen Optionen, sie müssen entscheiden und vorangehen. Diese Grundhaltung bewahrte er immer. War es Geschichtsoptimismus, der ihn trug? Das Wort geht zu weit, aber gegen jedes fatalistische Sich-treiben-lassen wehrte er sich, Politiker, die sich aus diesem Grund selbst zurückhielten, hatten schlicht ihren Beruf verfehlt, glaubte er.

Aber das eigene Denken, das Verhalten als Politiker, die getroffenen Entscheidungen aus dem eigenen Leben heraus erklären? Das keinesfalls! Wohl nicht allein die mögliche «Verführung» störte ihn, sich selbst fehlerlos zu sehen oder zu illuminieren; nein, ein rationaler, vernunftgeleiteter Politiker lässt sich möglichst nichts von «innen» diktieren, er handelt nach Sachkompetenz, Vernunft und nachprüfbaren Maßstäben. Ein Votum des Kanzlers, ein Kabinettsbeschluss, das sollte nicht abgeleitet werden können aus dessen Herkunft, als folgten Politiker nur heimlichen Lebenslinien, und als gäbe es nicht fast immer verschiedene Möglichkeiten, unter denen sie nach bestem Wissen und Gewissen auswählen müssen.

Letztlich blieb für Schmidt Politik doch das Produkt nüchterner, pragmatischer Abwägung von Sachargumenten in öffentlichen Angelegenheiten, so wollte er sich immer verstanden wissen, eigentlich schon in seinen frühen Bonner Jahren, 1953, als er im Grunde noch ein Lehrling im Bundestag war – und die Republik sich durch die erste Phase ihrer langen, beschwerlichen Selbstverständigung mühte. Nicht der eigenen Gesinnung und privaten Moral folgt Politik, sondern vernünftigen Maßstäben und Common Sense. Kein Autobiograph, sondern ein Verantwortungsethiker stellte sich vor schon im ersten Buch, und so sollte das fortan in allen Texten des Autors Helmut Schmidt sowie seinen öffentlichen Auftritten bleiben.

Zwar, kursorische Hinweise, Beiträge zur Familiengeschichte, Notizen vor allem über seine «unpolitische» Jugend lieferte er sehr wohl: In erster Linie aber doch, um Kontrolle über das eigene Bild zu behalten und Missdeutungen vorzubeugen. Bis hierher gewähre er Einsicht – so die stille Post zwischen den Zeilen – aber keinen Millimeter weiter, als er möchte. Er allein! Immer wollte Helmut Schmidt sein eigener Herr bleiben, niemand sollte verfügen können über ihn.

Keine der zahlreichen Biographien, die bereits über ihn zu Papier gebracht wurden, erfasse ihn ganz, kommentierte Helmut Schmidt denn auch die Lektüre über ein langes Politikerleben, sein Leben. Wenig allerdings trug er selber dazu bei, aufzuklären, was er vermisste oder worin er sich getroffen fühlte und worin nicht. Ganz gerecht, nebenbei, wurde er seinen Biographen damit nicht. Vor allem der Heidelberger Historiker Hartmut Soell, einige Jahre Schmidts Weggefährte im Bundestag und geschätzter Gesprächspartner in Sachen Sicherheitspolitik, hat sich ihm in zwei voluminösen Bänden skrupulös angenähert, zwar nicht im Sinne einer autorisierten Biographie, aber doch überaus materialreich vom ersten Lebenstag an bis zum Abschied aus dem Kanzleramt; ein Nahblick, der dennoch Distanz wahrte und Apologetisches möglichst mied. Jonathan Carr (der nicht nur vom Ökonomen Schmidt, sondern vor allem vom Pianisten und Kunstkenner schwärmte), Hans Martin Lehmann, Martin Rupps, Hans-Joachim Noack, Michael Schwelien, Theo Sommer, das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Liste von Autoren, die sich biographisch annäherten – in Ausnahmefällen Huldigungsliteratur, oft jedoch lehrreich und mit kritischem Blick.

Mit Kritik lernte Schmidt umzugehen, trotz aller unübersehbaren Eitelkeit, darin zeigte er sich zunehmend professioneller. Nur fair musste sie bleiben, ansonsten stand er – mit wachsender Erfahrung – darüber, schon gar als alter Herr. Ihn brachte nichts mehr in Rage. Das hieß aber auch, dass Widerworte, beispielsweise wegen seines vielfach bekundeten Verständnisses für das Niederschlagen der Opposition am Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni 1989, an ihm einfach abprallten. Er hörte zwar zu. Aber wenn er sich seines Urteils sicher war, konnte ihn niemand darin beirren, selbst Freunde wie Manfred Lahnstein nicht, der ein ganzes Buch über Asien schrieb, nur um seinen einstigen Chef Helmut Schmidt von seinem einseitigen, gar zu rosigen Bild der offiziösen chinesischen Politik und ihren Modernisierungserfolgen abzubringen.[2] Auch von seiner Überzeugung, der dramatische Klimawandel sei nicht von den Menschen selbst zu verantworten, sondern ein natürlicher Prozess, vermochten ihn keinerlei Einwände abzubringen. Auffällig kontrastierte das mit seiner Neugier und Lernbereitschaft, die er sich grundsätzlich und auf vielen Feldern bis ins hohe Alter bewahrte.

Seine Arroganz, sein Klassenprimus-Gebaren, seine Eifersucht gegenüber potentiellen Konkurrenten in jüngeren Jahren, anfangs noch auf der Karriereleiter, dann aber auch als Regierungschef, alles hat Hans-Joachim Noack korrekt aufgespießt, ein liebenswürdiger, fehlerfreier Superman sieht anders aus – aber Schmidt hat es nicht gehindert, mit dem Autor gelegentlich weiter eine Schachpartie zu spielen, wie sie das seit vielen Jahren schon pflegten.

Seine Bemerkung, er fühle sich von keinem der Biographen ganz erfasst, hatte wohl andere Gründe als bloße Empfindsamkeit hinter der rauen Schale: Schmidt wollte sagen, es bleibe ein unauflösbarer Rest, den er allein kenne. Und er – siehe oben – wollte die Autobiographie ja nicht schreiben.[3]

Ganz so extrem war seine Scheu sicher nicht wie bei Willy Brandt, Journalisten, Biographen oder Freunden einen wirklichen Blick auf sein Innerstes, sein Ich zu gewähren. Nicht einmal dessen engster Getreuer, Egon Bahr, durfte Brandt zu nahe kommen. Jeder Versuch, «des Anderen ‹Ich› zu verstehen», hätte das Vertrauen zwischen ihnen gestört, beschrieb der Mitarbeiter seit den Berliner Jahren ihr kompliziertes Verhältnis in seinem späten Freundschaftsbuch «Das musst Du erzählen!» Zwar verfasste Willy Brandt «Erinnerungen», sogar in mehreren Anläufen, aber am liebsten sprach er auch darin von sich in dritter Person, ganz selten tauchte ein «Ich» auf, immer nur in wenigen Sätzen. Psychoanalytiker, das betonte er, wollte er schon gar nicht nahe an sich herankommen lassen. Nein, er brauchte den Schutzpanzer um sich herum.

Bei Helmut Schmidt hingegen...

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