Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung

Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung

 

 

 

von: Gerhard Stemmler, Dirk Hagemann, Manfred Amelang, Frank Spinath, Marcus Hasselhorn, Wilfried Kunde,

Kohlhammer Verlag, 2016

ISBN: 9783170257238

Sprache: Deutsch

694 Seiten, Download: 9293 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung



1         Grundlagen


 

 

 

 

Womit befasst sich die Differentielle Psychologie? Was versteht man unter Persönlichkeit? Um diese grundlegenden Fragen geht es in diesem einleitenden Kapitel. Zunächst besprechen wir, welche Bedeutung interindividuelle Unterschiede in physischen und psychischen Merkmalen haben und warum deren Erforschung psychologisch relevant ist (1.1). Sodann fragen wir, wie groß interindividuelle Unterschiede bei Menschen und bei Tieren sind und wie die betrachteten Merkmale in einer Population verteilt sind (1.2). Der Frage der Bedeutung von interindividuellen Unterschieden wird in einem geschichtlichen Exkurs vertiefend nachgegangen. Hier wird schnell deutlich, dass es immer auch um die Messung von psychischen Merkmalen geht, was im Bereich der Persönlichkeit von unterschiedlichen Konzepten oder Perspektiven aus geschehen ist (1.3). Die Erläuterung der Aufgaben der Differentiellen Psychologie führt direkt zu der Frage ihrer Abgrenzung von der Allgemeinen Psychologie (1.4). Schließlich werden zentrale Begriffe – von »Variablen« über »Konstrukte« bis zu »Persönlichkeit« (1.5) – und inhaltliche Konzepte wie Verhaltensgewohnheiten, Dispositionseigenschaften und Verhaltensvorhersage sowie Zustände und Typen besprochen (1.6).

1.1       Einführung


Wie jede Alltagserfahrung lehrt, ist die Unterscheidbarkeit von Individuen eine der Grundtatsachen des Lebens überhaupt. Die individuellen Besonderheiten sind bereits unmittelbar nach der Geburt offenkundig und verstärken sich mit zunehmender Reifung. Keiner ist dem anderen gleich in Aussehen, Gestik, Mimik und Auftreten, in Denkweise, Meinungen und Einstellungen, in Sprache und Verhalten. Jeder reagiert in einer ihm eigenen Weise auf seine Umwelt und die Mitmenschen.

Selbst wenn zwischen mehreren Personen gewisse Übereinstimmungen bestehen, gelten diese allenfalls für eng umschriebene Charakteristika. Die Besonderheit der Person wird hingegen in der spezifischen Kombination der Merkmale erkennbar. Selbst wenn man nur ein Merkmal betrachtet, so gilt einem alten Sprichwort zufolge, dass Gleiches, von Verschiedenen getan, doch nicht dasselbe sein muss. Damit wird auf die spezifischen Beweggründe für Verhalten oder auf die nicht exakt wiederholbare situative Einbindung des Verhaltens abgehoben und die Einheit und Unverwechselbarkeit der Person unterstrichen.

Seit alters her sind die individuellen Besonderheiten beobachtet und registriert worden. Sie liefern das Material für Literatur, Schauspiel oder bildende Kunst, wo immer wieder das Charakteristische einzelner Menschen akribisch herausgearbeitet worden ist.

Erhebliche Bedeutung haben die individuellen Eigenarten für das soziale Gefüge. Die differenzierte Leistungsgesellschaft etwa ist eine Folge der Auffassung, dass nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft alle anfallenden Aufgaben gleich gut bewältigen können, weshalb sich eine gezielte Platzierung von Personen anbietet. Qualifikationsmerkmale von Personen sollten möglichst gut mit den Anforderungen von Aufgaben zur Deckung kommen. Konstitutiver Bestandteil der Leistungsgesellschaft ist ein Bildungssystem, das eine unterschiedliche Lernfähigkeit und Schulbarkeit seiner Bürger unterstellt und für diese von Sonderschulen bis zu Universitäten zahlreiche Bildungseinrichtungen bereithält, die darüber hinaus noch beträchtliche Binnengliederungen vorsehen. Auf weite Strecken lebt zudem die Wirtschaft von den unterschiedlichen Ansprüchen der Menschen, indem sie für eine große Produktvielfalt sorgt.

Nur auf den ersten Blick mag es demgegenüber paradox anmuten, wenn in der Geschichte immer wieder Gleichheit der Menschen eingefordert wurde, wie in der Unabhängigkeitserklärung der USA (»All men are created equal«), dem Ideal der Französischen Revolution (»Liberté, Egalité, Fraternité«) oder in gewerkschaftlichen Forderungen (»Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«). Damit sollte zumindest den ärgsten Auswüchsen einer auf der Ungleichheit der Menschen basierenden Politik von Knechtschaft und Ausbeutung entgegengetreten und zum Teil auch die behauptete (»Natur-«)Notwendigkeit der Ungleichheiten selbst bestritten werden.

Tatsächlich bestehen Ungleichheiten. Männer werden immer noch trotz vergleichbarer Leistungen besser als Frauen entlohnt. Ältere erhalten mehr Lohn als Jüngere. Gut aussehende Personen sind gegenüber weniger attraktiven im Ausbildungsprozess, bei psychotherapeutischer Behandlung oder bei der Wahl des Partners im Vorteil.

Die Reihe derartiger Beispiele ist beliebig fortsetzbar. Festzuhalten ist, dass in vielen Merkmalen interindividuelle Unterschiede bestehen, manche allerdings für den Einzelnen nahezu ohne Belang und andere nur in einzelnen Situationen relevant sind (z. B. die Form der inneren Gehörgänge, die Neigung zu Seekrankheit). Interindividuelle Unterschiede in Merkmalen wie dem Geschlecht, der Hautfarbe, der Intelligenz oder der Persönlichkeit sind hingegen situationsübergreifend von größter Bedeutung, weil davon die Wirksamkeit von Menschen auf die Welt und umgekehrt die Rückwirkung der Umwelt auf sie mitbestimmt wird.

Die Beschreibung und Analyse derartiger interindividueller Differenzen zwischen Individuen oder Gruppen bilden den Gegenstand der Differentiellen Psychologie. Im Unterschied dazu behandelt die Allgemeine Psychologie die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens und Erlebens des durchschnittlichen Individuums. Dabei ist nicht unbedingt sicher, dass es ein solches »durchschnittliches« Individuum überhaupt gibt und dass die Gesetzmäßigkeit auf alle Mitglieder der Population gleichermaßen gut zutrifft. Anders ausgedrückt befasst sich die Differentielle Psychologie mit dem systematischen Teil der von der Allgemeinen Psychologie ausgeklammerten Variabilität im Verhalten und Erleben.

Die differentialpsychologische Betrachtung von Unterschieden bezieht sich nicht nur auf Unterschiede zwischen Personen zu einem gegebenen Zeitpunkt (Querschnittsbetrachtung), obgleich dies ihr Hauptgegenstand ist. Auch die Merkmalsfluktuation innerhalb einer Person über Situationen oder Zeitpunkte hinweg (Längsschnittbetrachtung, intraindividuelle Unterschiede) kann Gegenstand der Differentiellen Psychologie sein. Dann werden interindividuelle Unterschiede in den intraindividuellen Prozessen untersucht. Wenn solche Unterschiede nicht bestehen oder nicht interessieren, sind die Prozesse Gegenstand der Allgemeinen Psychologie oder auch der Entwicklungspsychologie, je nachdem, ob es sich um kürzere Zeitstrecken im Sekundenbereich bis zu mehreren Wochen handelt oder ob es um längere Zeitabschnitte bis hin zu vielen Jahren geht.

Differentialpsychologische Fragestellungen gelten

•  der Beschaffenheit von Merkmalen oder Prozessen, in denen es interindividuelle Differenzen gibt,

•  der wechselseitigen Abhängigkeit solcher Merkmale,

•  dem Ausmaß interindividueller Differenzen,

•  ihrer Beeinflussbarkeit durch Training, veränderte Anregungsbedingungen, Medikamente und andere Bedingungen,

•  den organismischen, kognitiven, emotionalen und motivationalen Grundlagen für diese Differenzen,

•  ihren Ursachen, darunter Erb- und Umweltfaktoren sowie

•  der Vorhersage von zukünftigem Verhalten aufgrund dieser Differenzen.

Viele dieser Fragestellungen sind Gegenstand dieses Lehrbuchs.

Zusammenfassung von Kapitel 1.1


Interindividuelle Unterschiede bestehen in sehr vielen physischen und psychischen Merkmalen; gleichwohl eint die Mitglieder einer Spezies ein gemeinsamer Bauplan. In diesem Spannungsfeld zwischen Ungleichheit und Gleichheit kann man sowohl etwas in unserem Kulturkreis Wertgeschätztes – wie die Besonderheit und Einzigartigkeit einer einzelnen Person – als auch eine gesellschaftliche Verfasstheit zwischen Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit sehen. Die Differentielle Psychologie beschäftigt sich außer mit interindividuellen Unterschieden auch mit intraindividuellen Veränderungen, sofern sie bei verschiedenen Personen unterschiedlich ausgeprägt sind.

1.2       Zur Universalität interindividueller Differenzen


1.2.1     Interindividuelle Differenzen beim Menschen


Das Wissen um Unterschiede zwischen Individuen im Humanbereich stellt seit jeher eine Selbstverständlichkeit dar. Zu allen Zeiten hat es Personen gegeben, die sich in Bezug auf einzelne Merkmale oder deren Kombination von ihren Mitmenschen deutlich abhoben. Die Variabilität von Merkmalen stellt allerdings ein allgemeines Phänomen dar: So weisen etwa Größe, Gewicht und Konstitution des...

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