Schönheit als Praxis - Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit

Schönheit als Praxis - Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit

 

 

 

von: Otto Penz, Augusta Dachs, Christian Hirst, David Loibl, Barbara Rothmüller, Philip Thom

Campus Verlag, 2010

ISBN: 9783593408453

Sprache: Deutsch

205 Seiten, Download: 2647 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

geeignet für: Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen PC, MAC, Laptop


 

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Schönheit als Praxis - Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit



5. Sechs Schönheitsklassen (S. 91-92)

5.1 Natürlichkeit und Individualität - Frauen der oberen Klasse

David Loibl

Der oberen Klasse wurden 13 Gesprächspartnerinnen zugeordnet, die durchwegs über eine abgeschlossene akademische Ausbildung an Fachhochschulen oder Universitäten verfügen. Dabei dominieren rechtswissenschaftliche und betriebswirtschaftliche Bildungswege. Die befragten Frauen sind entweder selbständig berufstätig - etwa als Unternehmensberaterin, Psychotherapeutin oder Fotografin - oder in führenden Positionen privater Unternehmen tätig, beispielsweise als Sales Managerin, leitende Zeitungsredakteurin und Architektin. Eine kleine Gruppe der Frauen hat wissenschaftliche Forschungspositionen inne.

Die befragten Frauen der oberen Klasse zeichnen sich durch eine zielgerichtete, aber insgesamt eher zurückhaltende Schönheitspflege aus, die nicht allzu viel Zeit und Energie beanspruchen soll. Die Frauen wollen sich in erster Linie in ihrem Körper wohlfühlen und dabei gepflegt und möglichst "natürlich" wirken. Neben der Natürlichkeit des Aussehens bildet die Individualität des Stils ein wesentliches Ziel ihres Schönheitshandelns. Statt "jeder Mode nachzulaufen" und dem "Schlankheits- oder Jugendwahn" zu erliegen, wollen sie ein Aussehen erreichen, das ihren eigenen, selbst definierten Ansprüchen genügt und mit ihrem Selbstbild vereinbar ist.

"Man soll einmal in sich selbst hineinhören und schauen, womit man zufrieden ist und womit man nicht ganz so zufrieden ist, und vielleicht daran arbeiten, dass man zufriedener wird - aber nicht auf das Außen schauen, sondern auf sich selbst", formuliert eine Gesprächspartnerin dieses Ziel. Dieser Zugang zum eigenen Körper und zum Thema Schönheit geht einher mit einem großen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten im Bereich des Schönheitshandelns und einem selbstsicheren Umgang mit professionellen SchönheitsdienstleisterInnen.

Dienstleistungen, wie professionelle Maniküre oder Pediküre, werden von Frauen der oberen Klasse kaum in Anspruch genommen - unter anderem deshalb, weil aufwändige Praktiken, wie das Verzieren oder künstliche Verlängern der Fingernägel, in dieser Klasse nicht üblich sind. Auch FriseurInnen werden von Frauen der oberen Klasse kaum als ExpertInnen betrachtet, denen man sich anvertrauen kann und muss: Viele Interviewpartnerinnen wechseln ihre/n FriseurIn häufig, und einige korrigieren selbst nach oder nehmen die Bearbeitung ihrer Haare ganz in die eigene Hand. Jene, die regelmäßig Frisiersalons besuchen, tun dies vielleicht alle zwei, meist aber nur alle drei oder vier Monate.

Wichtiger als das Styling ist für die befragten Frauen die Pflege der Haare, für die teilweise auch recht aufwändige Prozeduren in Kauf genommen werden, während das Färben der Haare - dem Ideal "schön und gepflegt, aber natürlich" entsprechend - weniger üblich ist. Das Ziel der Haarpflege besteht vor allem darin, möglichst gesunde beziehungsweise gesund aussehende Haare zu haben. Einige der Befragten waschen ihre Haare zum Beispiel nur jeden zweiten Tag, um zu verhindern, dass sie strohig und brüchig werden. Bei der Körperpflege von Frauen der oberen Klasse spielt die Angst vor trockener Haut eine zentrale Rolle.

Etwa die Hälfte der Befragten gibt an, nur jeden zweiten Tag zu duschen, um die Haut zu schonen, und viele verwenden nach dem Duschen Cremes, öle oder Lotionen zur Pflege ihrer Haut. Das Entfernen der Körperhaare ist durchaus üblich, wenngleich es nicht von allen Interviewpartnerinnen praktiziert wird. Auch wird die Körperhaarentfernung weniger als Selbstverständlichkeit, denn als sozialer Zwang betrachtet, den einige Befragte stark inkorporiert haben und als persönliche Notwendigkeit empfinden, andere dagegen als äußeren Zwang erleben. So meint eine Interviewpartnerin zur Achselhaarentfernung:

"Da denke ich mir: Das ist für mich schon die Grenze, das geht nicht - die Achselhaare muss man sich rasieren", während eine andere von gesellschaftlichen Tabus spricht und erklärt: "Mein Bedürfnis wäre es nicht unbedingt, dass ich jeden Tag meine Achselhaare schön abrasieren muss." Solarienbesuche oder Körperschmuck wie Tätowierungen und Piercings stoßen in dieser Klasse durchwegs auf Ablehnung und kommen entsprechend selten vor."

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