Praxis der Psychologischen Gutachtenerstellung. Schritte vom Deckblatt bis zum Anhang

Praxis der Psychologischen Gutachtenerstellung. Schritte vom Deckblatt bis zum Anhang

 

 

 

von: René T. Proyer, Tuulia M. Ortner

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2010

ISBN: 9783456947822

Sprache: Deutsch

169 Seiten, Download: 1870 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

geeignet für: Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen PC, MAC, Laptop


 

eBook anfordern

Mehr zum Inhalt

Praxis der Psychologischen Gutachtenerstellung. Schritte vom Deckblatt bis zum Anhang



Auch die begutachtete(n) Person(en) kann/können variieren: In der Regel handelt es sich um eine Einzelperson (z. B. Diagnostik der Schulreife eines Kindes), Gruppen (z. B. Paardiagnostik im Bereich der Familientherapie, Teamentwicklung einer Abteilung) oder etwas seltener um ganze Organisationen (z. B. Feststellung des Betriebsklimas) und nicht belebte Objekte und Gegebenheiten (z.B. Produkte in der Marktforschung oder eine Wohnumwelt; vgl. Hossiep & Wottawa, 1993).

In der Praxis sind auftraggebende und begutachtete Person oftmals ein und dieselbe Person. Das muss aber nicht immer so sein, wie weiter unten noch ausgeführt werden wird. In der Praxis hat sich eingebürgert vom Auftragnehmer als Klient bzw. Klientin oder Patient bzw. Patientin zu sprechen. Die letztgenannte Bezeichnung wird ausschließlich bei klinischen Fragestellungen verwendet. Das bedeutet, dass auf diese Bezeichnung im Gutachten unbedingt verzichtet werden sollte, wenn es sich nicht um eine eindeutig klinisch-psychologische Fragestellung handelt (patiens = lat. erduldend, leidend). Wichtig ist auch festzuhalten, dass eine begutachtete Person nicht als Versuchsperson («Versuchskaninchen») bezeichnet werden soll, weil dabei der Eindruck vermittelt wird, dass keine Anwendung standardisierter Routineverfahren erfolgt, sondern ein «Experiment» durchgeführt wird. Ethische Probleme (vgl. Michaels, 2006) können insbesondere dann eine Rolle spielen, wenn begutachtete und auftraggebende Person(en) unterschiedliche Ziele verfolgen, wie es häufig im rechtspsychologischen Bereich wie auch bei Eignungsbeurteilungen im Wirtschaftsleben der Fall ist. Denkbar wäre, dass sich eine Versicherungsgesellschaft über ein Psychologisches Gutachten eine Entscheidungshilfe darüber verspricht, ob eine Person aufgrund berichteten massiven psychologischen Belastungserlebens im Beruf trotz Simulationsverdacht in Frührente entlassen werden soll.

Grundsätzlich sind der Gutachter bzw. die Gutachterin aus ethischer Sicht beiden Parteien, bei widerstreitenden Interessen allerdings in erster Linie der begutachteten Person verpflichtet. Vor einer Begutachtung müssen die beteiligten und untersuchten Personen über alle wesentlichen Maßnahmen und Behandlungsabläufe unterrichtet werden und ihre Einwilligung nach gegebener Information versichern. Es ist außerdem Aufgabe, auf Würde und Integrität des Individuums zu achten und sich für die Erhaltung und den Schutz fundamentaler menschlicher Rechte einzusetzen (siehe Ethische Richtlinien der DGPs und des BDP). Eine Darstellung und Diskussion ethischer Fragen, die bei der Gutachtenerstellung auftreten können, findet sich bei Michaels (2006).

2 Formaler Aufbau eines Gutachtens

Ein einheitlicher formaler Aufbau des psychologisch-diagnostischen Gutachtens erfüllt verschiedene Funktionen: Er gewährleistet 1), dass nichts Relevantes vergessen wird; 2) erleichtert ein logischer Aufbau die Nachvollziehbarkeit des Gutachtens; und 3) ermöglicht er Leserinnen und Lesern, die sich an einem Standardaufbau orientieren, Informationen rasch und gezielt zu finden. Ein standardisierter Aufbau hilft auch bei der Ergebnisrückmeldung, da diese dann ebenfalls entsprechend strukturiert werden kann. Die Empfehlungen (Entscheidungen, Interventionen, Maßnahmenvorschläge) ergeben sich für die ratsuchende Person dann aus den zuvor berichteten Teilen des psychologisch-diagnostischen Prozesses.

Grundsätzlich ergibt sich der Aufbau logisch aus der hypothesengeleiteten Fallbearbeitung. Als Faustregel gilt, dass die Reihenfolge der Elemente im Gutachten von der Nachvollziehbarkeit bestimmt wird: Aus der Tatsache, dass etwa aus dem Anforderungsprofil Fragen in der Anamnese und in der Exploration resultieren, kann argumentiert werden, dass es bereits vor der Anamnese formuliert werden soll. Die Darstellung der Informationen aus der Anamnese sollte im Gutachten daher auch erst nach der Beschreibung des Anforderungsprofils erfolgen. Es empfiehlt sich in der Regel folgender Aufbau als Gerüst für die Erstellung psychologischer Gutachten (dieser kann aus inhaltlichen Gründen modifiziert werden):

1) Deckblatt (auch: Titelseite)
2) (Bisheriger) Sachverhalt (auch: Vorgeschichte, Anlass)
3) Anforderungsprofil bzw. psychologische Hypothesen
4) Eingesetzte Verfahren bzw. Informationsquellen
5) Anamnese, Exploration, Interview
6) Ergebnisdarstellung (auch: Untersuchungsbericht, Befunde)
7) Gelegenheitsbeobachtung
8) Zusammenfassung der Ergebnisse
9) Stellungnahme («Interpretation») und Entscheidung
10) Empfehlung

Kategorien

Service

Info/Kontakt