Handbuch Berufsbildungsforschung - 2. aktualisierte Auflage

Handbuch Berufsbildungsforschung - 2. aktualisierte Auflage

 

 

 

von: Felix Rauner

W. Bertelsmann Verlag, 2006

ISBN: 9783763934638

Sprache: Deutsch

828 Seiten, Download: 22160 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Handbuch Berufsbildungsforschung - 2. aktualisierte Auflage



Berufsbildungsforschung – Eine Einführung (S. 9-10)

Felix Rauner

Die Berufsbildungsforschung hat sich spätestens mit der Gründung staatlicher Forschungseinrichtungen wie dem deutschen Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung (BBF) (1970), dem französischen Centre d‘Études et de Recherches sur les Qualifications (Céreq) (1970), dem All unionsforschungs institut für berufstechnische Ausbildung der UdSSR in Leningrad (1963) oder der Einrichtung des Center for Research and Leadership in Vocational and Technical Education (1965) in den USA, das später (1977) zum nationalen Forschungsinstitut aufgewertet wurde, sowie mit der Etablierung internationaler Einrichtungen der Berufsbildungsforschung wie dem UNESCO-Institut (United Nations Educational, Scientifi c and Cultural Organisation) UNESCO‘s International Centre for Technical and Vocational Education and Training (UNESCO-UNEVOC) (2000) oder dem European Centre for the Development of Vocational Training (CEDEFOP) (1975) zu einem Schwerpunkt der Bildungsforschung entwickelt. Das staatliche und internationale Interesse an der Bildungsforschung resultiert aus der unmittelbaren Verzahnung der berufl ichen Bildung nicht nur mit der Bildungs- sondern auch mit der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik.

So wie längst eingesehen wurde, dass letztere nicht länger unter nur nationalen Einfl üssen stehen, sondern transnational verflochten sind, so wurde ebenfalls bewusst, dass die Fragen und Probleme von national verantworteter und gesteuerter Bildung nicht länger den mehr oder weniger stabilen Traditionen der Bildungssysteme überlassen bleiben sollten.

Berufliche Bildung gilt als Schlüsselgröße für die Steigerung oder den Erhalt von Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften. So hebt das Modernization-Forum (USA) in seiner Studie „Skills for Industrial Modernization" (1993) hervor:

„As the pace of economic and technological trade accelerates, the abilities of workers and enterprises to learn and adapt becomes a core element in the global competition among corporations and national economies" (1993, 4).

Die staatliche Berufsbildungsforschung ist daher in der Regel eng verzahnt mit den Aufgaben der Berufsbildungsplanung und eingebunden in den Berufsbildungsdialog zwischen den Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und den für die Berufsbildung zuständigen Regierungsressorts. In der Regel sind dies neben den Bildungs- die Arbeits- und Wirtschaftsressorts. Die dabei zu beobachtenden Unterschiede in Rolle und Nähe der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen der Berufsordnung und -ausbildung zum Gesamtsystem nationaler Bildungsinstitutionen hängt vom Grad der Integration berufl icher Bildung in die jeweiligen Bildungssysteme ab.

Länder, die in einer gewissen Breite eine akademische Ausbildung für Berufsschullehrer obligatorisch vorsehen, verfügen mit solchen fachlichen und zugleich berufspädagogischen Studiengängen über eine Forschungsinfrastruktur, für die die Refl exion und Gestaltung berufl icher Bildungs-, Lern- und Lehrprozesse selbstverständlich ist. Darin ist eine wertvolle Ressource für die weitere Entwicklung und die Vertiefung von Fragestellungen zu sehen, die sich aus dem Wandel beruflicher Anforderungen ergeben.

Die Vielfalt der Fragestellungen und Entwicklungsaufgaben auf der Ebene der Berufsbildungssysteme (Makroebene), der Organisation und Gestaltung beruflicher Bildungsgänge und -einrichtungen (Mesoebene) sowie der Analyse und Gestaltung der Bildungs- und Lernprozesse (Mikroebene) führt zur Einbeziehung verschiedener Wissenschaften und Forschungstraditionen. Berufsbildungsforschung kann daher nur interdisziplinär organisiert werden, vorrangig durch die Beteiligung von Fächern wie Psychologie, Industrie-, Arbeits-, Bildungs- und Betriebssoziologie, Natur- und Ingenieurwissenschaften, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften. Fachdidaktische und berufswissenschaftliche Kompetenzen werden vor allem von Berufspädagogen eingebracht, da diese in der Regel für eine berufl iche Fachrichtung und ihre Didaktik qualifi ziert sind. Im Rahmen des von der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz (AGBFN) initiierten Forschungsprojektes „Berichterstattung über Berufsbildungsforschung" haben Jürgen van Buer und Adolf Kell den Versuch unternommen, Berufsbildungsforschung zu defi nieren, Abgrenzungen zu benachbarten Forschungstraditionen vorzuneh men und eine Binnenstruktur für die Berufsbildungsforschung zu entwickeln (VAN BUER/KELL 1999a, 221 ff.).

So sehr die Forderung nach Interdisziplinarität bei der Erschließung komplexer Forschungs felder und -gegenstände aus wissenschaftspolitischer Perspektive immer wieder betont wird, so schwierig erweist sich die praktische Realisierung von Interdisziplinarität. Unerlässlich bleibt, den Forschungsgegen stand als einen originären und die Forschungsmethoden als gegenstandsangemessen zu begründen, wenn die Berufsbildungsforschung auf die Expertise so vieler Wissenschaften angewiesen ist. Dies haben die Gründer des BBF mit ihrem ersten Forschungsprogramm durch das Gebiet „Methodologie der Berufsbildungsforschung" beherzigt. In einem der Grundlagenprojekte heißt es daher auch:

„Entwicklung eines methodologischen und terminologischen Instrumentariums für die Arbeiten des Institutes unter Berücksichtigung der inter disziplinären Zusammenhänge" (BBF 1971, 6).

Seit Anfang der 1970er Jahre hat die Praxis der Berufsbildungsforschung Konturen angenommen und sich als eine internationale Scientific Community organisieren können. Das europäische Forschungsnetzwerk Vocational Education and Training Research Network (VETNET), gegründet 1997, sowie die Gründung eines internationalen Journals für Technical and Vocational Education Research durch das VETNET und das UNESCOInstitut UNEVOC sind Ausdruck dieser Entwicklung. Sucht man dagegen nach der Einlösung des mit der Gründung des BBF formulierten Anspruchs die methodologischen Grundlagen dieser Praxis zu klären, so fällt es zunächst schwer, ein Forschungsinstrumentarium zu identifi zieren, das nicht sogleich wieder auf die Disziplinen zurückzuführen ist, aus denen es bezogen wurde. Bei der Darstellung der „Lage der Berufsbildungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland" in der gleichnamigen Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) heben die Autoren selbstkritisch hervor, dass die disziplinären Forschungsstränge der Berufsbildungsforschung, wie die Lehr-Lern-Forschung, die Psychologie, die Betriebswirtschaft oder die Soziologie, neben der Berufs- und Wirtschaftspädagogik allenfalls ein multidisziplinäres, aber noch kein interdisziplinäres Bündel an Methoden und Instrumenten bilden (DFG 1990).

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